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    Wer bist du?

Marcus Hammerschmitt 09.02.2004

Virtuelle Beziehungen - existenzielle Entfremdungserfahrung oder neue Qualität des Begehrens?

Der Kitt, der unsere Gesellschaft emotional zusammenhält, verändert seine Konsistenz, man experimentiert mit ihr, und wir experimentieren alle fröhlich mit. "Beziehung" heißt es immer noch, "Liebe", "Freundschaft" usw. - und doch entsteht vor unseren Augen ein neues Paradigma der Bezüglichkeit selbst.

Wie gut muss ich jemanden kennen, um ihn zu lieben, zu verabscheuen, ihm gegenüber gleichgültig zu sein? Ist das die Frage, um die es bei den Verwandlungen unseres Gefühlshaushalts geht, die die IT-Welt uns ermöglicht und aufzwingt? Dann wären diese Verwandlungen nicht spezifisch, ja nicht einmal echte Verwandlungen, denn dann ginge es im Netz wie eh und je um die Liebe per Hörensagen, die Liebe auf den ersten Blick, den glücklichen Moment, die Seelenverwandtschaft (und all ihre Gegenteile). Darum geht es natürlich auch, das will keiner leugnen. Aber warum dann die allgemeine Verunsicherung darüber, was eine Beziehung ist?

Weil die Gesellschaft die wichtigsten Veränderungen, die in ihr vorgehen, in Echtzeit nur erfahren, nicht aber erkennen kann. Das mag viele Gründe haben, einer der wichtigsten sind die Medien. Meistenteils erfüllt das Gerede über Cybersex, Spycams, Spam, usw. perfekt die Definition dessen, was Adorno den "Verblendungszusammenhang" genannt hat. Den aufzulösen ist ein Ereignis, das selber allzuleicht Teil des Verblendungszusammenhangs wird, oder einfach etwas, dem die Medien nicht den Status eines Ereignisses zubilligen. Und so wie die frühe Eisenbahnära nicht erkennen konnte, dass das Problem nicht die Gehirnerweichung durch zu hohe Geschwindigkeiten sein würde (sondern der Kapitalismus), und wie bis vor kurzem das Hauptproblem an der Gentechnologie ihre möglichen pharmakologischen Nebenwirkungen zu sein schienen (und nicht die Besitzverhältnisse an genetischer Software), so ist uns immer noch nicht klar, was für eine Sorte Mensch die moderne Informationstechnologie aus uns macht.

Vielleicht liegen ja auch die Verhältnisse noch nicht vor, die es uns erlauben würden, das zu erkennen. Die Verwirrung ist jedenfalls mehr als verständlich, sie wirkt angemessen, ja notwendig. Ein paar Beobachtungen können aber von allen gemacht werden, die an diesem großen, todernsten Spiel teilnehmen.

Hunger

Virtuelle Beziehungen sind zerrissen von einem doppelten Hunger - dem Hunger nach Berührung und dem nach Sicherheit. Beide schließen sich gegenseitig nahezu vollkommen aus, und in Abwesenheit von allgemein anerkannten Regeln taumelt der Nutzer in einem Beziehungsmuster umher, das die Psychologie vom sogenannten Borderline-Syndrom [1] her kennt: Unfähig zur Balance springt man zwischen zu großer Nähe und sternenferner Distanz hin und her, abrupt kann das eine in das andere umschlagen, plötzliche hocherotische Nähe und plötzlicher Beziehungsabbruch liegen bei virtuellen Beziehungen näher als irgendwo sonst.

Die enorme Variabilität des emotionalen Potenzials und die Suche nach neuen Umgangsformen, die es bezähmen können, wird an einer scheinbaren Äußerlichkeit deutlich: der Anrede. Allgemein flimmert die Anrede im (deutschsprachigen) Netz, wenn es nicht um reine Geschäftskontakte geht. Kurios aber die Situation z.B. in Weblogs: Es scheint, als seien Weblogs einer der ganz wenigen gesellschaftlichen Orte, an denen man ein- und denselben Gesprächspartner parallel duzen und siezen kann. Die Aufrechterhaltung stabiler Beziehungen in diesem Umfeld des gleichzeitig öffentlichen und vertraulichen Sprechens erfordert es anscheinend, den Gesprächspartner gleichzeitig als bürgerliches Rechtssubjekt und als Freund betrachten zu können. Das ist für mitteleuropäische Verhältnisse sehr ungewöhnlich.

Die Vagheit der Umgangsformen erinnert an eine Sache, die Benjamin im Passagenwerk erzählt: In der Frühzeit der Plakatwerbung im neunzehnten Jahrhundert gab es noch keine Regeln gegen wildes Plakatieren und so konnte es in den großen Städten, allen voran in Paris, durchaus vorkommen, dass ein Hausbesitzer oder Mieter am Morgen alle seine privaten Fenster im Erdgeschoß mit Plakaten überklebt fand. Analog dazu findet der Netzteilnehmer seine Mailbox heute zugekleistert mit Spam - und manchmal auch mit Gefühlsergüssen und Beziehungsphantasien, für die er keinen Gebrauch hat.

Erfahrung und Sprache

Da ist also der Hunger nach Berührung, aber man berührt sich nicht im Netz, in dem alle Fische gefangen sind; jeder hängt zwischen seinen Knoten. Da wir schlaue Affen sind, besänftigen wir diesen Mangel, indem wir unsere dritte, unsichtbare Hand benutzen: die Sprache.

Wir wollen nicht die armen Fakten, wir wollen Anerkennung, Streit, Flirt, Witz und Macht, und während all diese Ansprüche und Bedürfnisse im Meatspace auch noch andere Kanäle und Signale zur Verfügung haben, müssen sie im Netz fast allein auf die Sprache zurückgreifen, genauer gesagt: auf den Text. Immer noch ist das Netz vor allem eines: Text. Und der Text blüht im Netz auf wie eine Rose. Selbst die verfluchten Emoticons sind eine Kümmerform dieses Aufblühens. Es scheint, als übten wir unsere dritte Hand für eine Aufgabe, die wir noch nicht kennen, als solle sie mehr Gelenke bekommen, mehr Finger.

Roland Barthes, der so konsequent wie kaum ein anderer von der "Perversion" fasziniert war, den Körper als Text zu denken - was hätte er wohl dazu gesagt? Diese seltsame Erfahrung, mit einem Unbekannten in den Wald der Bedeutungen gegangen zu sein, sich im Unterholz zu verlaufen und dann plötzlich buchstäblich und auf allen sprachlichen Ebenen vor lauter Anspielungen, Doppeldeutigkeiten, Ironie und uneigentlicher Rede nicht mehr zu wissen, was der andere meinen könnte. Oder die vielleicht noch erschreckendere Erfahrung, dass ein Email-, Chat-, Usenet-, Blogpartner in Wirklichkeit ganz genau so ist, wie man ihn oder sie sich immer vorgestellt hat (erschreckender, weil die sie den Wert von Erfahrung und Ver-wirklichung an sich in Frage stellt). Was hätte Roland Barthes damit angefangen?

Spiel

Der Hunger nach dem Außerhalb der Sprache bringt die Sprache im günstigsten Fall zum Blühen und treibt damit das soziale Spiel im Netz an. Am deutlichsten wird das in den kollektiven Netzstrukturen, den Mailinglisten, Chats und Blogs. Wie auf einer barocken Gartenparty, bei der sich die Maskierten Zettelchen mit kryptischen Hinweisen zustecken, sich necken, Rätsel lösen, Verstecke ausfindig machen, Stelldicheins arrangieren, ziehen die Teilnehmer des Netzspiels umher auf der Suche nach einer Stimme, einem Text, den man ernsthaft fragen kann (fragen muss): "Für wen stehst du?" "Wer ist da?" "Wer bist du?" Das Gartenlabyrinth ist ersetzt worden durch das Netz selbst.

Aber der Begriff der Beziehung hat sich unter der Hand radikal geändert. Es ist nicht nur die Maskierung, die Virtualisierung, die geografische Entfernung, es ist auch das, was Peter Praschl von den Weblogs behauptet [2]:

Weiter kommt man wahrscheinlich, wenn man, zumindest probehalber, den Weblogs konzediert, dass sie zu den wenigen Formen des Sprechens im Netz gehören, die überhaupt verstanden haben, was das Netz ist. Verstehen, was das Netz ist, heißt: verstehen, dass man im Netz ist, dass man nur ein Knoten, ein Link ist, kein Ziel, sondern eine Passage. Die meisten Seiten im Netz bemühen sich darum, ein Ziel zu sein, sie kämpfen darum, dass man sie findet und dann bei ihnen bleibt, sie wollen das Ende des Netzes sein und nicht bloß ein Dazwischen, der User soll kommen und nicht mehr weggehen. Der Weblogautor aber schickt die Leute gleich wieder fort, er weiß, dass er nicht mehr ist als ein Knoten unter Knoten, er sagt allen, die bei ihm vorbeikommen, dass sie gleich wieder weitergehen sollen, hierhin vielleicht oder dorthin, und wie wäre es mit diesem Link?

Man könnte das natürlich als eine moderne Form von Demut interpretieren, gar als quasireligiöse Rede: Ich bin nicht wichtig, schau her, das Netz selbst ist der Ort der Wunder. Aber auf diese Weise immer nur ganz kurz da gewesen zu sein, heißt für das Individuum auch, gleichzeitig da zu sein und nicht da zu sein.

Das Netz ermöglicht auf viele verschiedene Arten eine höchst kuriose Mischform von Anwesenheit und Abwesenheit. Wäre es eine Person, könnte man sagen: Es tut das mit Genuss. Was natürlich seine zentrale "Perversion" ist, um wieder mit Barthes zu sprechen. Auf diese Weise sind wir im Netz zwangsläufig Geister, die Gartenparty ist eine von Geistern. Beziehung? Wie soll das gehen unter diesen Umständen? Paradoxerweise hat aber im Netz "Erfolg" nur, wer sich vorsieht, weil das Netz eine gigantische Beziehungsfalle darstellt, aber gleichzeitig Beziehungsbereitschaft demonstriert, soziale Kompetenz und Verantwortung. So tun, als ob alles echt wäre und gleichzeitig nicht darauf bauen, scheint eine gute Regel im Netz zu sein. Sie ermöglicht das Netzanalog zu Warmherzigkeit und Vertrauen.

Wer sich nicht vorsieht, für den kann das Spiel in tödlichen Ernst umschlagen. Wir wären nicht die schlauen Affen, die wir sind, wenn wir das Netz nicht auch gegeneinander als Waffe benutzen würden. Hass, Intrigen und Gemeinheiten verletzen genauso wie im wirklichen Leben. Wegen des oben beschriebenen Borderline-Effekts treten sie unvermuteter auf als gewohnt, und können bei entsprechender Mob-Bildung eine beträchtliche Wucht aufweisen. Der Tsunami an dümmlicher Verachtung, der zum Beispiel über das Star-Wars-Kid ( Lichtschwerter zu iPods! [3]) hereinbrach, ist ein mächtiger Beleg für diese These. Im Netz kann auch gestorben werden. Wie bei Peter Greenaways "Kontrakt des Zeichners", wo der Zeichner sich bei seinem "Gartenfest" nicht vorgesehen hat.

Kulturpessimismus fiele also leicht. Entfremdung, Perversion, soziale Kälte - all seine üblichen Themen wären da, wenn es um die Zukunft der zwischenmenschlichen Beziehung im Netz geht. Aber Kulturpessimismus fällt immer leicht, deswegen gerät er ja stets in Gefahr, so beliebig zu wirken. In Wahrheit können wir aus den besagten Gründen noch nicht wissen, wie diese Zukunft aussehen wird. Sicher ist nur, dass sich auch in diesem Bereich die allgemeine Doppelnatur technischer Errungenschaften als Instrumente der Rettung und des Terrors durchsetzen wird. Wie genau das geschieht, bleibt zu beobachten.

Links

[1] http://www.borderline-plattform.de/html/uber_bl.html

[2] http://www.tzw.biz/www/home/article.php?p_id=2033

[3] http://www.heise.de/tp/deutsch/special/auf/14881/1.html

Telepolis Artikel-URL: http://www.telepolis.de/deutsch/special/med/16656/1.html

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